Der Grund der Unität

Der Grund der Unität ist das Dokument, auf dem die weltweite Brüder-Unität beruht, also quasi die Statuten, die der Kirche zu Grunde liegen. Unter anderem war dieses Dokument für mich einer der Hauptgründe, weshalb ich der Herrnhuter Brüdergemeine beigetreten bin. Für mich sind es nicht bloss die Statuten meines „Vereins“, sondern eine Art Bekenntnis, das es lohnt, immer wieder mal durchzulesen.

Der Grund der Unität wurde an der Unitätssynode von 1957 in Bethlehem (Pennsylvania) verabschiedet, Änderungen wurden von den Unitätssynoden 1981 (Herrnhut) und 1995 (Dar es Salaam).

§ 1 PRÄAMBEL
Jesus Christus, unser Herr, ruft seine Kirche ins Dasein, damit sie ihm in dieser Welt dient, bis er wiederkommt. Die Brüder-Unität weiß sich daher im Glauben gerufen, der Menschheit durch die Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus zu dienen. In dieser Berufung sieht sie den Grund für ihr Dasein und die Motivation für ihren Dienst. Wie der Ursprung unserer Kirche liegen auch das Ziel und das Ende ihres Daseins in der Hand ihres Herrn.

§ 2 DER GLAUBE UNSERER KIRCHE
Gemeinsam mit der ganzen Christenheit glauben wir an Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Wir glauben und bekennen, dass Gott sich in seinem Sohn Jesus Christus einmal und endgültig offenbart hat, dass unser Herr uns zusammen mit der gesamten Menschheit durch seinen Tod und seine Auferstehung erlöst hat, und dass es außer ihm kein Heil gibt. Wir glauben, dass er in Wort und Sakrament unter uns ist, dass er uns durch seinen Geist leitet und zusammenführt und uns zu einer Kirche baut. Wir hören seinen Ruf zur Nachfolge und bitten ihn, uns für seinen Dienst zu gebrauchen. Er verbindet uns untereinander. So werden wir als Glieder seines Leibes bereit, einander zu dienen.

Im Licht der göttlichen Gnade erkennen wir, dass wir eine Gemeinde von sündigen Menschen sind. Wir bedürfen der täglichen Vergebung und leben allein von Gottes Barmherzigkeit, in Jesus Christus, unserem Herrn. Er erlöst uns aus unserer Vereinzelung und vereint uns zu seiner lebendigen Gemeinde.

§ 3 UNSER PERSÖNLICHER GLAUBE
Der Glaube der Kirche entsteht und lebt durch das Zeugnis von Jesus Christus und durch das Wirken des Heiligen Geistes. Dieses Zeugnis spricht jeden Menschen persönlich an und führt ihn dazu, seine Sünde zu erkennen und die von Christus bewirkte Erlösung anzunehmen. In der Gemeinschaft mit ihm wird die Liebe Christi immer mehr zur Kraft des neuen Lebens, die den ganzen Menschen durchdringt und umgestaltet. So schafft der Heilige Geist in den Herzen der Einzelnen einen lebendigen Glauben und lässt uns an den Früchten von Christi Heil Anteil bekommen und Glieder an seinem Leib sein.

§ 4 DAS WORT GOTTES UND DIE LEHRE
Der dreieinige Gott, wie er sich in der Heiligen Schrift des Alten und Neuen Testamentes offenbart hat, ist die einzige Quelle unseres Lebens und unseres Heils. Die Heilige Schrift ist der allein gültige Maßstab für die Lehre und den Glauben der Brüder-Unität und gestaltet deshalb unser Leben.

Die Brüder-Unität sieht im Wort vom Kreuz die Mitte der Heiligen Schrift und jeder Verkündigung des Evangeliums. Sie sieht ihren Hauptauftrag und den Grund ihres Daseins im Bezeugen dieser frohen Botschaft. Wir bitten unseren Herrn um die Kraft, nie davon abzulassen.

Die Brüder-Unität beteiligt sich an der unaufhörlichen Suche nach der rechten Lehre. Bei der Auslegung der Heiligen Schrift und der Weitergabe der Lehre in der Kirche orientieren wir uns an zwei Jahrtausenden ökumenischer christlicher Tradition und an den Einsichten unserer Vorfahren im Glauben in der Brüder-Unität, so wie auch wir darum beten, das Evangelium von Jesus Christus tiefer zu verstehen und klarer zu verkündigen. Wie aber die Heilige Schrift kein Lehrsystem enthält, hat auch die Brüder-Unität selbst kein solches entwickelt, weil sie weiß, dass das in der Bibel bezeugte Geheimnis Jesu Christi vom Menschen weder vollständig erfasst noch ausgedrückt werden kann. Zugleich gilt, dass die Erkenntnis von Gottes Heilswillen durch den Heiligen Geist in der Bibel vollständig und eindeutig offenbart ist.

§ 5 BEKENNTNIS UND BEKENNEN
Die Brüder-Unität erkennt in den Glaubensbekenntnissen der Kirche den dankbaren Lobpreis des Leibes Christi. Diese helfen der Kirche dazu, schriftgemäß zu bekennen, sich gegen falsche Lehren abzugrenzen und die Gläubigen in jeder Epoche zu einem gehorsamen und furchtlosen Zeugnis zu ermutigen und aufzurufen. Die Brüder-Unität hält daran fest, dass alle in der christlichen Kirche formulierten Glaubensbekenntnisse der fortwährenden Prüfung im Licht der Heiligen Schrift bedürfen. Solches rechtes Bekennen des Glaubens sieht sie im Zeugnis der ersten Christen:„Jesus Christus ist Herr!“ und außerdem besonders in den altkirchlichen Glaubensbekenntnissen und den grundlegenden Bekenntnisschriften der Reformation. *)

§ 6 DIE BRÜDER-UNITÄT ALS EINHEIT
Wir glauben und bekennen die Einheit der Kirche, die in dem einen Herrn Jesus Christus als Gott und Heiland gegeben ist. Er starb, um die zerstreuten Kinder Gottes zusammenzubringen. Als der lebendige Herr und Hirte führt er seine Herde einer solchen Einheit entgegen.

Die Brüder-Unität bekannte sich zu dieser Einheit, als sie den Namen der alten Kirche der Böhmischen Brüder „Unitas Fratrum“ übernahm. Wir können auch die überwältigende Erfahrung der Einigung nie vergessen, die der gekreuzigte und auferstandene Herr unseren Vorfahren in Herrnhut bei der Abendmahlsfeier am 13. August 1727 in Berthelsdorf schenkte.

Es ist des Herrn Wille, dass die Christenheit ihre Einheit in ihm mit vollem Einsatz und mit Liebe bezeugt und anstrebt. Unter uns sehen wir, dass uns diese Einheit zugleich verheißen und als Auftrag auferlegt ist. Wir erkennen, dass die verschiedenen Kirchen durch die Gnade Christi viele Gaben erhalten haben. Es ist unsere Sehnsucht, voneinander zu lernen und uns gemeinsam über den Reichtum der Liebe Christi und die Vielfalt der göttlichen Weisheit zu freuen.

Wir bekennen uns zu unserem Anteil an der Schuld, die sich in der Zerrissenheit und Trennung der Christenheit zeigt. Durch solche Trennungen stehen wir selbst der Botschaft und der Kraft des Evangeliums im Wege. Wir erkennen die Gefahr der Selbstgerechtigkeit und des lieblosen Urteilens über andere.

Da wir mit der ganzen Christenheit als Wanderer unterwegs sind und unserem kommenden Herrn entgegengehen, begrüßen wir jeden Schritt, der uns dem Ziel der Einheit in ihm näher bringt. Er selbst lädt uns zur Gemeinschaft an seinen Tisch. Damit führt er seine Kirche der Einheit entgegen, die er verheißen hat. Durch seine Gegenwart im Abendmahl macht er uns schon heute die Einheit in ihm sichtbar und gewiss.

§ 7 KIRCHE ALS GEMEINSCHAFT
Die Kirche Jesu Christi ist trotz aller Unterschiede zwischen Mann und Frau, zwischen Arm und Reich und zwischen Menschen verschiedener ethnischer Herkunft eins im Herrn. Die Brüder-Unität erkennt zwischen denen, die im Herrn eins sind, keine trennenden Unterschiede an. Wir sind gerufen, zu bezeugen, dass Gott in Jesus Christus sein Volk aus allen Völkern und Sprachen sammelt und zu einem Leib formt und dass er den Sündern unter dem Kreuz vergibt und sie zusammenführt. Wir widersetzen uns jeder Diskriminierung in unsrer Mitte aus Gründen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts oder der sozialen Stellung; und wir betrachten es als ein Gebot des Herrn, dies öffentlich zu bekennen und mit Wort und Tat zu zeigen, dass wir Brüder und Schwestern in Christus sind.

§ 8 DIE KIRCHE ALS DIENSTGEMEINSCHAFT
Jesus Christus kam nicht, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen. Aus dieser Tatsache erhält seine Kirche ihren Auftrag und die Kraft für ihren Dienst, zu dem jedes ihrer Glieder gerufen ist. Wir glauben, dass der Herr uns besonders zum Missionsdienst unter den Völkern der Welt gerufen hat. In diesem Dienst und in allen anderen Gestalten des Dienstes, die uns der Herr – sei es zu Hause oder in der Ferne – anvertraut, erwartet er, dass wir ihn bekennen und seine Liebe in selbstlosem Dienst bezeugen.

§ 9 DIENST AM NÄCHSTEN
Unser Herr Jesus Christus ist in das Elend dieser Welt hineingegangen, um es zu tragen und zu überwinden. Wir wollen ihm nachfolgen, indem wir seinen Brüdern und Schwestern dienen. Wie die Liebe Jesu kennt dieser Dienst keine Grenzen. Darum bitten wir den Herrn, er möge uns den Weg zu unseren Nächsten immer wieder neu zeigen und unsere Herzen und Hände für sie öffnen, wo sie uns brauchen.

§ 10 DIENST AN DER WELT
Jesus Christus hält in Liebe und Treue an dieser gefallenen Welt fest. Darum sollen auch wir für diese Welt Sorge tragen. Wir dürfen uns nicht aus Gleichgültigkeit, Hochmut oder Angst aus ihr zurückziehen. Gemeinsam mit der weltweiten christlichen Kirche fordert die Brüder-Unität die Menschheit mit der Botschaft von der Liebe Gottes heraus. Sie strebt danach, den Frieden in der Welt zu fördern und der Menschen Bestes zu suchen. Um dieser Welt willen hofft und wartet die Brüder-Unität auf den Tag, an dem der Sieg Christi über Sünde und Tod offenbar wird und die neue Welt erscheint.

§ 11 SCHLUSSWORT
Jesus Christus ist allein Herr und Haupt seines Leibes, der Kirche. Daher ist die Kirche keiner einzigen Autorität, die sich seiner Herrschaft widersetzt, zu Treue verpflichtet. Die Brüder-Unität bewahrt aus ihrer Geschichte die lebenswichtige Erfahrung des Ältestenamts Jesu vom 16. September und 13. November 1741.
Die Brüder-Unität ist sich bewusst, dass sie allein durch die unbegreifliche Gnade Gottes ins Dasein gerufen und bis heute erhalten wurde. Dank und Lobpreis für diese Gnade bleiben der Grundton ihres Lebens und ihres Dienstes.
In diesem Geist wartet sie auf das Erscheinen Jesu Christi, geht ihrem Herrn freudig entgegen und betet darum, dass sie bereit ist, wenn er wiederkommt.

*) In den verschiedenen Provinzen der erneuerten Brüder-Unität haben vor allem die folgenden Bekenntnistexte eine besondere Bedeutung erlangt, weil die wichtigsten Lehraussagen des christlichen Glaubens in ihnen klar und einfach ausgedrückt werden:
– das Apostolische Glaubensbekenntnis
– das Athanasianische Glaubensbekenntnis
– das Nicänische Glaubensbekenntnis
– das Bekenntnis der Böhmischen Brüder von 1535
– die 21 Artikel der unveränderten Augsburger Konfession
– der Kleine Katechismus von Martin Luther
– der Berner Synodus von 1532
– die 39 Artikel der Kirche von England
– die Barmer Theologische Erklärung von 1934
– der Heidelberger Katechismus

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