Wildwood Flower – The Carter Family – Don’t Forget This Song

Als Kind war das Radio meine Verbindung zur grossen weiten Welt, da bei uns zu Hause ein Fernseher fehlte. Ich verbrachte Stunden vor dem klobigen Röhrenradio und surfte manuell durch die Frequenzen – Kurzwelle, Mittelwelle, Langwelle und Ultrakurzwelle. Einmal rund um den Globus und wieder zurück. Ich verweilte aufmerksam bei mir unbekannten Sprachen, lauschte der Klangfarbe und versuchte mir vorzustellen, wo der Sprecher gerade sass. Irgendwo im Dschungel oder in einer orientalischen Grossstadt. Wurde mir langweilig, drehte ich einfach an dem Knopf und beförderte den Zeiger ein paar Länder oder gar Kontinente weiter. Und natürlich war da die Musik. Ich hörte neue Töne und originelle Klänge, exotische Instrumente und faszinierende Singstimmen. Radiohören war für mich ein Abenteuer. 

Einmal hörte ich ein Lied, dessen Melodie mich in den Bann zog. Die Menschen, die das sangen schienen dabei sehr ruhig und entspannt zu sein. Ich stellte mir vor, dass das total friedliche Leute sein müssen, die solche Musik machen. Ich sog jede Note, jeden Takt in mir auf. So prägte sich die Melodie in mein Gedächtnis und noch Jahre später hätte ich sie summen können. Damals wusste ich nicht, in welcher Sprache gesungen wurde, noch den Titel des Liedes, geschweige denn, wer dieses Lied gesungen haben könnte. Jahre später, als Teenager habe ich es dann wieder im Radio gehört. Ich sass wie paralysiert vor dem Radio und konnte es nicht fassen, diese Melodie nach all den Jahren ausserhalb meines Kopfes zu hören. Der Moderator nannte den Namen der Combo – The Carter Family – und sogar den Titel: Wildwood Flower. Die Sprache war dann auch klar: Englisch. Nun, heute würde ich eher sagen: Amerikanisch.

Ich habe heute keine Ahnung mehr, ob das die Version war, die ich ursprünglich im Radio gehört hatte, es war aber sicher dieser Song. Die Carter Family sagte mir bis dahin überhaupt nichts. Natürlich nahm es mich wunder, was denn das für eine Familie war, die so eingängige Melodien spielte, die sich mir über Jahre ins Gedächtnis prägen konnten. Also fing ich an nebenbei etwas zu forschen und über die Jahrzehnte habe ich immer wieder ein Puzzleteil nach dem anderen gefunden.

Die Carter Family ist in unseren Breitengraden nahezu unbekannt, erwähnt man dann aber Johnny Cash’s zweite Ehefrau June Carter Cash, geht so manchen ein Licht auf. Tatsächlich, die Carters und die Cashs sind eng miteinander verbandelt. Aber nun mal der Reihe nach. Alles begann im Poor Valley in Virginia, am Fusse der Appalachen. Das ist ein Tal – wie der Name schon sagt – in dem man einem eher kargen Lebensstil frönt. Tatsächlich schliesst sich dem Poor Valley etwas nördlich das Rich Valley an, wo früher der Anbau von Tabakpflanzen wahrscheinlich etwas ringer von der Hand ging.

Im Poor Valley, in Maces Springs wuchs ein Junge namens Alvin Pleasant Delaney Carter (* 15.12.1891 – 7.11.1960) auf, genannt A. P. Carter. Die ersten Lieder hörte er von seiner Mutter, seine Liebe zur ländlichen Musik war erwacht und wuchs mit dieser musikalischen Früherziehung heran. Als junger Mann war es schwierig Arbeit zu finden, so wurde er Vertreter für Obstbäume und zog mit Katalog und Musterpflanzen durch die sanften Täler der Gegend. Mit mässigem Erfolg. Bei seinen Reisen schnappte er immer wieder neue Lieder auf, die er bis anhin noch nicht kannte. Bei einer dieser Gelegenheiten schnappte er sich auch ein Mädchen aus dem Umland, die seine Passion zur Musik teilte: Sara Doherty. Sie heirateten am 18.5.1915. Sie bekamen drei Kinder: Gladys, Janette und Joe. Vor allem für ihren Familien- und Freundeskreis musizierten sie in den ersten Ehejahren regelmässig.

1926 heiratete A.P’s Bruder Ezra die Cousine Saras: Maybelle Addington. Zusammen mit A.P. Carter, seiner Ehefrau Sara Carter und seiner Schwägerin Maybelle Carter war 1927 die Carter Family geboren und ihr kometenhafter Aufstieg im noch in den Kinderschuhen steckenden Musikbusiness begann. Sie gehörten zu den ersten, die überhaupt Lieder auf Schallplatte veröffentlichten. Vorher konnte man Musik eigentlich nur an einem Konzert oder im Radio hören – wo sie meistens auch live gespielt wurde. Die Carter Family gehörte neben Jimmie Rodgers zu den Top-Shots der damaligen Zeit in der nordamerikanischen Musikszene. A.P. war es ein wichtiges Anliegen, traditionelle Lieder zu sammeln, neu zu arrangieren und evtl. etwas abzuändern. Damit hat uns die Carter Family hunderte musikalische Zeitzeugen hinterlassen, die sonst wahrscheinlich in Vergessenheit geraten wären. Maybelle Carter bereicherte die Carter Family zusätzlich mit ihrer selbst erfundenen Gitarrenspieltechnik. Mit dem Daumen schlug sie die Meldodie und mit den Fingern schrummelte sie den Rhythmus. Damals war das eine Sensation. Der Song „Wildwood Flower“ eignet sich noch immer wunderbar für Gitarrenanfänger um schnell Erfolge zu erzielen. Schaut man sich auf Youtube.com um, findet man beinahe unzählige Anleitungen dazu.

Neben ihrer Liebe zur Musik, teilten sie auch ihren christlichen Glauben. Nicht nur, weil sie in einer traditionell gläubigen Umgebung aufgewachsen waren, sondern weil sie auch überzeugte Christen waren. Die Carter Family hat viele Gospel-Songs aufgenommen, weil es ihnen wichtig war so ihren Beitrag zur Verbreitung des Evangeliums beizutragen. Der Glauben ist nun mal keine Versicherung dafür, dass es dabei zu keinen Brüchen im Leben kommen kann. 1943 liessen sich Sara und A.P. scheiden, Sara heiratete noch einmal und zog mit ihrem zweiten Ehemann nach Kalifornien. Die Carter Family brach auseinander. Nun könnte man meinen, dass das das Ende war. Aber nein, es war noch lange nicht vorbei. Maybelle Carter musizierte weiterhin, zusammen mit ihren Töchtern Helen, June und Anita. Unter dem Bandnamen „Mother Maybelle and the Carter Sisters“ feierten sie grosse Erfolge. Als A.P. 1960 starb machten sie unter dem ursprünglichen Namen „The Carter Family“ weiter.

Die Carter Family beeinflusste viele Musiker der damaligen Zeit. Zu ihren grössten Hits gehörten Keep on the Sunny Side, Wildwood Flower, Will You Miss Me When I’m Gone, Anchored in Love, Wabash Cannonball, Will the Circle Be Unbroken und viele, viele mehr. Ihre anglo-keltischen Balladen, die Mountain Songs, Blues und Popsongs legten die Grundsteine für die heutige Country-Musik. Ihre Songs wurden unzählige Male gecovert und bleiben so unvergessen.

Unter den Carter-Family-Fans war auch einer, der als Junge lauschend am Radio sass und den Carters fasziniert zuhörte: Johnny Cash (26.02.1932 – 12.11.2003). Viele Jahre später – in den 60ern – fanden sie zusammen. Die Carter Family wurde Teil der Johnny-Cash-Tour. 1968 heirateten June Carter und Johnny Cash und eine weitere fruchtbare muskalische Ära brach an.

Meine Geschichte mit dem Lied Wildwood Flower ist hier noch nicht ganz zu Ende. Bei unserer letzten USA-Reise bin ich eher zufällig auf den Trichter gekommen, dass ein Abstecher nach Virginia ja eigentlich durchaus im Bereich des Möglichen liegt. Nun stand in jedem USA-Reiseführer, dass es sich überhaupt nicht lohnt, Virginia zu besuchen, weil sich dort nichts Sehenswertes befinden würde. Also ein weiterer Grund, dahin zu fahren. Und wir wurden nicht enttäuscht, Virginia ist definitiv eine Reise wert. Die liebliche ursprüngliche Landschaft, die sanften Hügel, verträumte Bachläufe, freundliche Menschen, fehlende touristischen Hochburgen: Wer das mag, ist in Virginia im richtigen Staat.

Wir fuhren also ins Poor Valley, um den Carter Family Fold zu besuchen. Dort steht A.P.’s Geburtshaus, daneben ist ein kleiner Konzertschuppen, in dem jeden Samstag ein Konzert stattfindet. Natürlich waren wir an einem beliebigen Wochentag dort, wir fanden alles ausgestorben vor. Dennoch hat es sich gelohnt. Wir hielten vor dem Fold an, ich öffnete die Tür, stieg aus und machte einen tiefen Atemzug, denn ich war froh, nach der klimatisierten Fahrgastzellenluft endlich wieder frei atmen zu können. Und womit füllten sich meine Lungen? Mit Wildwood Flowers. Ich war mir ganz sicher, dass das was ich in diesem Augenblick atmete, nur das sein konnte, was ich als Kind gesungen im Radio gehört hatte. Für mich schloss sich ein Kreis all meiner Sinne und es war mir erst dort richtig klar, dass man nur an einem solchen Ort darauf kommen kann, ein solches Lied zu dichten.

Carter Family Fold, Hiltons VA

Carter Family Fold, Hiltons VA

Wir fuhren noch wenige Kilometer – auf dem A.P. Carter Highway – weiter und besuchten A.P.’s und Saras Gräber auf dem Mount Vernon Friedhof (United Methodist Church Mount Vernon, Hiltons, VA).

Mount Vernon UMC

Mount Vernon UMC

A.P. hatte sich seinen Grabstein selbst ausgesucht und dieser spricht eigentlich für sich:

A. P. Carters Grab auf dem Mount Vernon Friedhof, Hiltons VA

A. P. Carters Grab auf dem Mount Vernon Friedhof, Hiltons VA

 

Keep on the sunny side!

Keep on the sunny side!

Zum Schluss noch eine Literatur-Empfehlung. Über die Carter Family gibt es auf Deutsch so gut wie nichts zu lesen. 2012 ist die Graphic-Novel The Carter Family – Don’t Forget This Song von Frank M. Young und David Lasky über das Leben der Carter Family erschienen, die ich wärmstens empfehlen kann.

Don't Forget This Song

Don’t Forget This Song

Englischkenntnisse sind allerdings erforderlich, zumal die Dialoge in den jeweiligen Dialekten geschrieben sind. Diese einmalige Publikation ist über einen Zeitraum von zehn Jahren entstanden und gibt in einer unvergleichlichen Authentizität das Leben der Carters wieder und geht sehr feinfühlig mit den Protagonisten um. Als Bonus liegt eine CD bei, mit Radio-Aufnahmen aus dem Jahr 1939.

Don't Forget This Song

Don’t Forget This Song

 

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