Gedanken zu Palmsonntag, Johannes 12,12-19

Alabad!

Der Einzug in Jerusalem  (Johannes 12,12-19)

Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem käme, nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!  Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9): »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen. «Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte. Das Volk aber, das bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat. Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan. Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.

Mir war heute Morgen nicht nach Gottesdienst. Derzeit weile ich für drei Monate in Spanien um Spanisch zu lernen. Die letzte Woche in der Sprachschule war sehr anstrengend, die Zeitumstellung hat uns allen eine Stunde Erholung stibitzt. Evangelische Kirchen sind in Spanien sehr dünn gesät und angesichts der Reisezeiten von einer Stunde zur nächsten Kirche und wieder eine Stunde zurück haben meine Gedanken schnell wahr werden lassen. Also habe ich mir nach einer extra Runde Schlaf einen Kaffee zubereitet, gefrühstückt und den Text aus dem Johannesevangelium für den heutigen Sonntag gelesen. Jesu Einzug in Jerusalem. Esel, Palmzweige, Hosianna! Immer wieder schön zu lesen. Jesus kommt nicht in Pracht und Herrlichkeit, nicht mächtig und unverletzlich, er kommt auf einem Esel geritten, arm und ohnmächtig. Die Prophezeiung aus Sacharja 9,9 ist somit erfüllt.

Jerusalem ist an diesem Tag voll von Menschen, ja Jerusalem ist eine einzige Festgemeinde, die sich versammelt hat, um das Passafest zu feiern, also die Erinnerung der Befreiung der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei. Ein Teil dieser Festgemeinde erinnert sich daran, dass Jesus Lazarus von den Toten auferweckt hat. Viele von uns haben diese Geschichte wahrscheinlich schon oft gehört. Jesus hat Lazarus von den Toten auferweckt. Von den Toten auferweckt. Ich persönlich brauche manchmal etwas Zeit, bis ich wirklich erfassen kann, was das eigentlich bedeutet. Also jemand ist tot und ist dann nicht mehr tot. Für mich absolut nicht vorstellbar. Was geschah denn mit Lazarus, als er tot war? Hat er da etwas erlebt, gesehen, gehört? Die Bibel schweigt sich dazu aus. Also bleibt alleine, das Unfassbare: aus tot wieder lebendig machen. Wahrlich ein Wunder! Die Zeugen der Auferweckung Lazarus´ jubeln Jesus entgegen. Mal ganz ehrlich. Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, wenn ich so etwas mitbekommen hätte. Als rational denkender Mensch, hätte ich an einen gut inszenierten Zaubertrick geglaubt, aber wahrscheinlich kaum an ein Wunder das durch diesen Jesus bewirkt wurde. Aber vielleicht hätte mich ein Gespräch mit Lazarus auch davon überzeugt, dass er wirklich tot war. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht hätte ich mich dann doch eher auf die sicherer scheinende Seite der Pharisäer geschlagen. Vielleicht hätte ich mich für die geregelten Machtverhältnisse und nicht für das rebellische Gebaren des Wanderpredigers Jesus entschieden. Und mal angenommen ich hätte Jesus auf dem Esel nach Jerusalem einziehen sehen und hätte gehört, wie man ihm Hosianna! und König! entgegenschreit. Auf einem Esel? Ein König? Hallo? Das soll mein König sein? Unser König, der König der Juden? Und all die vielen Leute die ihm einen Teppich aus Palmzweigen bereiten. Warum tun die das? Palmen galten damals als Symbol für Leben und Unabhängigkeit und siegreiche Könige. Was für eine Provokation gegenüber der römischen Besatzungsmacht!  Mich hätte das alles wahrscheinlich ziemlich verwirrt. Meine Bekannten, Freunde Nachbarn jubeln und huldigen jemandem, der auf einem Esel reitet. Wahrscheinlich hätte ich es besser verstanden, wenn ich den Tanach besser gekannt hätte, also die Prophetenbücher. Aber vielleicht hätte ich gar nicht zu den regelmäßigen Tempelbesuchern gehört. Tora, Tanach und alle anderen wichtigen Schriften gab es damals  noch nicht als Buch in jedem Haus oder als App auf dem Handy. Damals wurde im Alltag alles mündlich übertragen. Vielleicht hätte ich eine Stunde bis zum Tempel laufen müssen. Vielleicht wäre ich am Samstag, am Sabbat zu müde gewesen in den Gottesdienst zu gehen, so wie ich heute. Wahrscheinlich. Ja, wahrscheinlich hätte ich nicht gemerkt, dass diese Szene des Einzugs Jesu nach Jerusalem eine Erfüllung der Prophezeiung war, wie es im Buch Sacharja geschrieben steht.

Bei allen Zweifeln und Vorbehalten, die mich beim Beobachten dieser Szenen beschlichen hätten, hätte es mir vielleicht gut getan, wenn ich den letzten Satz des Abschnitts direkt mitbekommen hätte. Der letzte Satz hat es nämlich in sich. Zur Erinnerung, er lautet: „Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.“ Hier geschieht etwas, was im richtigen Leben bei Menschen in Machtpositionen sehr selten vorkommt, oder erkennbar ist: Selbsterkenntnis. Die Pharisäer haben erkannt, dass sie mit ihrem Tun nichts ausrichten können, dass sie machtlos sind. Die Menschen folgen nicht ihren Lehren, sie folgen dem Rebellen und Aufwiegler, die Machtpositionen verschieben sich gerade gehörig. Sie folgen einem nach, der sich für Arme, Kranke, Außenseiter und Ausgestoßene eingesetzt hat. Sie folgen einem nach, der sich uneigennützig für die Menschen engagiert hat, mit denen eigentlich niemand etwas zu tun haben wollte.

Seit dem Einzug Jesu in Jerusalem sind ja in der Zwischenzeit einige Jahre vergangen. Heute ist die Bibel das meistverbreitete Buch auf diesem Planeten. Es steht in christlich geprägten Ländern in ganz vielen Haushalten im Bücherregal, ich behaupte mal, dass die wenigsten Exemplare auch regelmäßig gelesen werden. Die Bibel gibt es auch als App oder E-Book. Für den modernen Gläubigen praktisch, für die anderen genau so langweilig, wie in der papierenen Bibel zu blättern. Die Bibel ist spannend zu lesen, aufwühlend, manchmal ärgert man sich, manchmal ist es Augenbalsam. Die Bibel provoziert. Sie spendet Trost und Hoffnung, sie spricht über die Liebe, das Leben, die Menschen und sie lässt einen ein Stück weit die Herrlichkeit Gottes erahnen. Dass Menschen, notabene Christen, die Bibel nicht lesen, sie langweilig,  nichtssagend oder als Märchenbuch abtun, liegt meistens nicht an diesen Menschen. Es liegt zu einem ganz großen Teil an uns Theologinnen und Theologen, Pfarrerinnen und Pfarrern, Pastorinnen und Pastoren. Es gelingt uns oft nicht, die Botschaft in einer Sprache zu verbreiten, die die Menschen anspricht. Wir klammern uns an die Perikopenordnung – die vorgegebenen Texte für die Sonntage – und blenden den Rest der Bibel gerne aus. Es gelingt uns oft nicht, die biblischen Inhalte in der heutigen Zeit lebendig werden zu lassen. Die Kirchen werden immer leerer, die Hauptaufgabe besteht im Verwalten des Vermögens, der Immobilien, der Macht und des Aufrechterhaltens des Status Quo. Die Gemeindeglieder und Angestellten müssen in ein bestimmtes Schema passen, für Individualisten wird der Platz eng. Schade eigentlich. Denn die Botschaft Jesu verdient es, verbreitet zu werden. Nicht nur in einem sakralen Raum mit verstaubten Kirchenbänken. Jesus ist herumgezogen und hat nach den Unbequemen gesucht. Die Verbreitung des Evangeliums ist eigentlich unser ganz zentraler Auftrag. Das ist meine persönliche pharisäische Selbsterkenntnis am heutigen Palmsonntag: Ich sehe, dass wir nichts ausrichten, wir sind sprachlos.

Der Auftrag gilt aber nicht nur für Hauptamtliche der Kirche, sondern für alle Christen. Wenn ich also in dieser Menge gestanden hätte, zweifelnd, fragend und staunend und auch ein bisschen verwirrt, dann wäre vielleicht gerade in diesem Augenblick meine Nachbarin gekommen und hätte mir die Fragen beantwortet, wir hätten die Zweifel ausräumen können und die Verwirrtheit hätte sich durch Erkenntnis abgelöst. Und ich hätte auch in das Hosianna! einstimmen können, vielleicht mit ein paar Tränen in den Augen. Ich wäre dankbar gewesen, für diese sprachfähige Nachbarin, die sich für mich Zeit genommen hat, für die es ganz natürlich ist, über ihren Glauben zu reden und die das lebt, was sie glaubt.

Mittlerweile habe ich den dritten Kaffee getrunken und bereue es ein bisschen, dass ich heute keinen Gottesdienst besucht habe. Es hätte mir sicher gut getan mit anderen Christen in das gemeinsame Hosianna! einzustimmen. In ein Hosianna!, das von Herzen kommt, in ein Hosianna! das auch noch Generationen nach uns gejubelt werden wird, in ein Hosianna! das verstanden wird. Heute habe ich mich egoistisch für meine eigenen Bedürfnisse entschieden, weil ich diese zusätzliche Ruhezeit gebraucht habe. Das gehört auch zur Selbsterkenntnis. Dafür hat mir die Reflexion über den heutigen Predigttext gut getan. Ich hoffe, euch auch.  Hosianna!

Eigentlich sollte es keine Predigt werden, aber ich glaube, jetzt ist es trotzdem eine geworden, deshalb: Amen.

Herzliche Grüße aus Spanien!

Anita Zimmerling Enkelmann

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